In der einstigen Philips- Apparatefabrik im Tempelhofer GSG-Hof Ullsteinstraße schlĂ€gt das Herz der Berliner Film- und Werbebranche. Vor drei Jahren hat die Firma Axis Mundi das Highlight des Geländes bezogen: die Shedhalle mit Raumhöhen von bis zu zehn Metern. Auf 4000 Quadratmetern warten Requisiten verschiedener Zeit- und Stilepochen auf ihren großen Auftritt. Und Action!

Wenn sie doch nur sprechen könnten. Dann könnten sie erzĂ€hlen, wie er denn so ist, der George Clooney oder der Michael Keaton. Und wie es denn ĂŒberhaupt so am Set zugeht. Aber sie reden ja leider nicht, die Requisiten. Sie sind stumme Akteure. Über 12.0000 dieser KulturgĂŒter stehen in den XXL-Hallen von Axis Mundi im Ullsteinhof und warten darauf, von Filmern und Ausstattern zum Leben erweckt zu werden. Kamera lĂ€uft! Und bitte!

Blick von oben in die Halle

Genau auf der gegenĂŒberliegenden Seite der Fabriketage liegt der konventionelle Maschinenraum mit dem Charme einer Tischlerei und Metallwerkstatt. Drehbank, WerkzeugfrĂ€se, es duftet nach Holz. Fast wird man ein bisschen wehmĂŒtig.

Eine riesige Auswahl an Requisiten fĂŒr Filmemacher

Wenn man die architektonisch imposante XXL-Halle der einstigen mit Klinkerfassade verzierten Apparatefabrik betritt, in der die Firma Philips Plattenspieler, Tonbandgeräte und Ventilatoren produzierte und danach der Textilkonzern Brennet die Gebäude zur Produktion seiner hochwertigen Baumwollstoffe nutzte, dann ist man erstmal spontan sprachlos. Ist das hier ein Museum? FĂŒr römische Geschichte? FĂŒr Naturkunde? Eine Architekturausstellung? Eine Möbelmesse? Ein Designforum? Gleich neben dem Eingang erstreckt sich ein etwa sieben Meter hohes steinernes Stadttor der zehn Meter hohen lichtdurchfluteten Halle entgegen. „Das haben wir mal fĂŒr einen Hollywoodfilm ausgeliehen, der 2014 in Berlin gedreht wurde“, sagt Osman Karagöz.

Sieben Meter hohes steinernes Stadttor

Hat man sich dann bei der Tresorwand aus „Vier gegen die Bank“ mit Til Schweiger und dem Schreibtisch von Batman, Teil 1 mit Michael Keaton vorbei, in den hinteren Bereich durchgekĂ€mpft, wird man von einer XXL-Fantasy-Krone eingeschĂŒchtert. Die wurde mal fĂŒr Mad Max, Teil 2 entworfen. Neben der Krone stehen ausgestopfte Großkaliber wie kanadischer EisbĂ€r, bengalischer Tiger, australisches KĂ€nguru oder amerikanisches Bison.

Herr Osman Kakragötz

SpĂ€testens jetzt scheinen sich die Fragezeichen im Kopf materialisiert zu haben, und Osman Karagöz klĂ€rt auf: Axis Mundi ist ein riesengroßer Fundus.

Wir bieten einen umfangreichen Requisitenbestand aus verschiedenen Zeit- und Stilepochen. Bei uns findet man Möbel und Accessoires aller Art – darunter Designklassiker und RaritĂ€ten – fĂŒr Film- oder Fotoproduktionen.

Osman KakragötzAxis Mundi

Die RĂ€ume von Axis Mundi sollen anregen und Impulse an die Phantasie geben

Als George Clooney in Potsdam Monument Man drehte, ein historischer Schinken, der im 2. Weltkrieg spielt, dann gibt es die dazu passenden antiken Sachen bei Axis Mundi. Oder Audi dreht einen Werbespot fĂŒr seinen neuen S6 Quattro. Bevor der Mann mit dem PS-starken Vehikel durch die WĂŒste rast, sitzt er in seinem Wohnzimmer und sinniert. Die dazu passenden weißen Designer-Möbel liefert Axis Mundi. Oder Netflix dreht einen Werbetrailer in einem Kino und braucht dazu 63 Sofas und 34 Sessel. Kein Problem. Gibt es alles in der Ullsteinstraße.

verschiedene Designmöbel

Kaum ein Szenebildner, der noch nicht hier war. Auch Bernhard Heinrich, der 2016 fĂŒr den Oscar nominiert war, wird hier fĂŒndig. „Die RĂ€ume von Axis Mundi sollen anregen und Impulse an die Phantasie geben, eine Hilfestellung sein“, sagt der Berliner GeschĂ€ftsfĂŒhrer. GegrĂŒndet hat Axis Mundi der Hamburger Boris Kohn im Jahr 1995. Angefangen habe es mit ein paar antiken Sachen aus Griechenland, so als Hobby. Er liebe nun mal die römische Geschichte.

Eines Tages rief ihn dann ein Szenebildner an und fragte, ob er sich nicht mal was ausleihen dĂŒrfe. Da sei ihm die GeschĂ€ftsidee gekommen, Requisiten zu verleihen. „Es ist der Respekt allen Kulturen gegenĂŒber, die Schönheit erschaffen haben. Ob in der Kunst, Architektur oder in den Gedanken. Laozi, Platon, die Werke von Leonardo da Vinci oder das Auferstehen und Niedergehen großer Kulturen haben Boris schon immer fasziniert und inspiriert.“

2014 kommt dann die Berliner Filiale dazu. „Dazu hat uns Boris 38 40-Tonner aus Hamburg geschickt. Wie gut, dass wir hier auf dem GSG-Hof so viel Platz haben“, lacht Osman Karagöz.

GSG-Hof Ullsteinstraße, außen

Berlin, die Stadt der Werbe- und Filmproduktionen

WĂ€hrend in Hamburg mehr Fotoshootings gemacht werden, hat sich Berlin zur Stadt der Werbe- und Filmproduktionen entwickelt. „Der Film, der das heutige Medium des GeschichtenerzĂ€hlens ist, erweckt die Geschichten, die niedergeschrieben wurden, vor unseren Augen wieder neu. Er ermöglicht uns, einen leeren Raum mit Dingen zu fĂŒllen und zum Leben zu erwecken. So werden die bewegten Bilder zu unseren Freunden und ermöglichen uns, all das, was Menschen in BĂŒchern verfasst haben, vor unserem Auge wieder zu erleben“, liest man dazu auf der Homepage.

Osman Karagöz klĂ€rt weiter auf: „Der Schwerpunkt unserer Requisiten ist modernes Design. Alle unsere Möbel, alle Accessoires sind Originale.“ Ein Charles-Eames-Konferenztisch, Sofas von Flexform, Lampen von Brooks, Vasen von Arcade Avec. Wenn da mal ein StĂŒckchen rausgesplittert ist, warten alle auf den KĂŒnstler, der persönlich vorbeikommt und das 3.000 Euro-Juwel repariert. Nicht wenige DesignstĂŒcke haben einen Versicherungswert im fĂŒnfstelligen Bereich. Gelsenkirchener Barock sucht man hier vergebens.

Design-Wohnzimmermöbel

Mit dem, was hier steht, kann Axis Mundi Riesenvillen im gehoben Design-Stil ausstatten. Erst kĂŒrzlich hat sich ein 40-Tonner voll mit Requisiten fĂŒr einen Hollywood-Film nach Bulgarien aufgemacht. Die Produktion lĂ€uft noch, deshalb darf der Herr der Requisiten nicht verraten, um welchen Film es sich handelt.

In der 2. Etage der lichtdurchfluteten Halle ist die Lampenabteilung, weiter hinten stehen die Wohnaccessoires. Alles, was man eben so braucht, um zum Beispiel das BĂŒro eines Mafia-Bosses auszustatten. Eine goldene Waffe, ein großer Aschenbecher. Oder glĂ€serne XXL-Ananas fĂŒr das stylische Wohnzimmer eines hippen Börsenmakler-Ehepaars.

Doch damit nicht genug. Es gibt noch eine zweite Halle, man hat es beinahe befĂŒrchtet. „Die böse Halle“, wie sie Osman Karagöz nennt. Jeder Flohmarkt ist dagegen lupenreiner Kindergeburtstag. RĂ€uchermĂ€nnchen, Schneekugeln, Rasierpinsel, Smarties-Umverpackungen, ein altes ledernes Turnpferd, zwei Seziertische, KĂ€se aus Plastik. „Eins ist klar: Das braucht man alles!“ sagt Osman Karagöz und atmet schwer. Aber dieser klitzekleine, mit Röschen verzierte, nun wirklich hyperkitschige Kerzenhalter? „Boris sagt, lass uns mal abwarten. Und so warten wir eben noch ein paar Jahre“ – und der Kerzenhalter bleibt.

Nur zwei Dinge werden bei Axis Mundi in Berlin garantiert nicht fĂŒr Filmproduktionen ausgeliehen: Uhren und Spiegel. “Nach jedem Cut mĂŒsste ja jemand die Uhr nachstellen und im Spiegel wĂŒrde sich nur allzu leicht der Kameramann widerspiegeln“, sagt der GeschĂ€ftsfĂŒhrer, der zuvor selber als Szenebildner tĂ€tig war.

Nach einem zweistĂŒndigen Schnelldurchlauf hat man wirklich das GefĂŒhl, an der Achse der Welt zu sein. „Wir sind das HerzstĂŒck fĂŒr Film und Werbung in Berlin“, sagt Osman Karagöz. Neben seiner Freude darĂŒber macht sich da aber auch ein bisschen Sorge breit. Osman Karagöz sendet ein stilles Stoßgebet nach Hamburg. „Bitte keinen 40 Tonner mehr.“

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