Die historischen Höfe der GSG Berlin sind die Traum-Locations für jedes Startup. Der Pioniergeist längst vergangener Epochen beseelt auch die Gründer von heute. Würde man von der DNA eines Gewerbehofes sprechen, dann wären die Ausstattungsmerkmale der Gebäude im Sprachgebrauch der Vererbungslehre eindeutig dominant und nicht rezessiv. Auch 130 Jahre später sind sie gefragter denn je.

Es war einmal ein Baumeister, der hatte den Auftrag, ein repräsentatives Verwaltungs- und Produktionsgebäude für den Industriestandort Berlin zu bauen. Und er schickte sich an, großzügig in seinen Ausmaßen zu planen, mit rotem Backstein, großen Segmentbogenfenstern und beeindruckenden Schmuckelementen.

Was für ein Prachtbau. Firmen wie Siemens, Osram, Bechstein bezogen diese Industrietempel.

Einige unserer Höfe wurden um 1880 gebaut. Und sie erfüllen nach über 130 Jahren noch alle Anforderungen einer Gewerbeimmobilie. Sie haben sogar mehr denn je ihre Daseinsberechtigung. Wenn man von der DNA eines Gebäudes im Sinne der Vererbungslehre reden würde, dann wären die Merkmale unserer historischen Höfe eindeutig dominant.

Sebastian BleckeGeschäftsführer der GSG Berlin

Rezessiv dagegen seien die Immobilien, die vor gerade mal 30 Jahren hochgezogen wurden. Einige seien längst schon wieder abgerissen oder hätten mit Herausforderungen wie Asbest zu kämpfen. Solche Altlasten kennen die Dominanten nicht. Sie strotzen Krieg und Wandel und stehen selbstbewusst standhaft als Zeitzeugen einer erfolgreichen Epoche.

GSG-Hof in der Oranienstraße 6

Wie in der Oranienstraße 6. Hier hatte 1875 Zimmerermeister Robert Otto zur Straße hin ein Wohnhaus errichtet. 1897 entstand durch den Regierungsbaumeister Georg Lewy im rückwärtigen Teil ein fünfgeschossiger Gewerbebau.

Einer der berühmtesten Mieter war Konrad Zuse, der Erfinder des Computers. In der Oranienstraße 6 vollendete er 1941 den ersten funktionsfähigen Computer der Welt, den Z3.

Hier im tiefsten Kreuzberg stand sie, die Wiege der Computertechnolgie. Fast ist er heute noch zu spüren, der Gründergeist. Könnte das Haus doch nur erzählen….

Heute arbeiten viele Unternehmen der IT-Branche in dieser liebevoll sanierten und denkmalgeschützten Immobilie.

„Kann es einen besseren Ort für ein Technologieunternehmen geben – außer den Garagen von Bill Gates oder von HP?“ fragt Fabian Schmidt, CEO von Fanmiles GmbH mit einem Lächeln.

Oranienstraße 6 ─ Heute

Das Startup hat am 2. Januar 2017 seine Arbeit im historischen GSG-Gewerbehof aufgenommen, am 31. März wurde die 2. Office-Hälfte mit einer Party eingeweiht.

Die Fanmiles GmbH wurde 2015 von Fabian Schmidt und Alan Sternberg in Berlin gegründet. Das Startup entwickelt eine unternehmensübergreifende Loyalty-Währung, die mit vielen unterschiedlichen Loyalty-Programmen genutzt werden kann.

Durch das weltweit erste, offene Loyalty-Ökosystem sollen Nutzer in Zukunft flächendeckend und über Partner hinweg durch ihre Aktivität und Loyalität #fanmiles sammeln können, die dann im gesamten Partnernetzwerk für exklusive und attraktive Prämien eingelöst werden können.

Zuerst nutzten Fußball-Stars #fanmiles als Loyalty-Lösung, um etwa Fans für das Liken von Social-Media-Posts mit Prämien wie einer von Philipp Lahm signierten Kapitänsbinde zu belohnen.

Der Fußball-Profi ist einer der prominenten Investoren des Berliner Startups. „Durch das Developers Programm kann #fanmiles in alle Kanäle, Apps, Online- und Offline Shops universal und global integriert werden. Damit unterscheidet sich #fanmiles von herkömmlichen, geschlossenen Bonus-Programmen oder Lösungen, die eine limitierte Partnerauswahl abdecken“, so Fabian Schmidt.

Mittlerweile nutzen führende Unternehmen wie adidas, Ticketmaster und die Electronic Sports League #fanmiles als Ihre Loyalty-Währung. Wird ein neuer Partner akquiriert, geht es laut her in der schwarz-weiß designten Loftetage im Industrial Look. Dann wird wie in dem Blockbuster „The Wolf of Wall Street“ mit Leonardo di Caprio eine silberne XXL-Glocke geläutet. Begeisterung.

In solch einem historischen Gebäude zu arbeiten sei der Traum eines jeden Startups. „Das ist einer der schönsten Innenhöfe, die ich kenne,“ sagt der Gründer. Und dann noch mit diesem legendären Vormieter – davon seien nicht nur die Programmierer, die an der Uni natürlich alle von Konrad Zuse gehört haben, energetisiert.

piano forte Hof in der Reichenberger Straße 124

Der Geist der ruhmreichen Vergangenheit. Auch im GSG-Hof an der Reichenberger Straße 124 ist er allgegenwärtig.

Wo einst die weltberühmte Firma Bechstein ihre Flügel und Klaviere produzierte – zwischen 1886 und 1907 war dieser großzügige Gebäudekomplex für den Flügel- und Klavierproduzenten errichtet worden – sitzen heute boomende Branchen:

Kommunikationstechnologien, TV-Produktionen.

Bis 1988 wurden an dieser Stelle die Premium-Pianos hergestellt.

piano forte – Reichenberger Straße 124 ─ Heute

„Es ist uns eine Ehre, in so ruhmreichen Hallen sitzen zu dürfen“, sagt Stefan Menden, Geschäftsführer Deutschland des Online-Touristikunternehmens Secret Escapes. Seit zwei Jahren sitzt die Dependance mit ihren knapp 70 Mitarbeitern im 4. OG des Fabrikgebäudes.

„Wir lieben diese Loft-Atmosphäre. Wir sind in einem extrem dynamischen Geschäft tätig. Da brauchen wir offene Büros, um schnell kommunizieren und handeln zu können.“

Das Online-Buchungsportal für hochwertige Hotel- und Reiseangebote wurde 2011 in London gegründet, hat seitdem über fünf Millionen Hotelnächte zu exklusiven Sonderpreisen verkauft.

Die eine Hälfte der Fabriketage verströmt ein lässig relaxtes Urlaubsfeeling. Ein Strandkorb vor einer Strandtapete, Palmen, eine Tiki-Bar, die eigentlich Küche ist, und in der man sich am liebsten einen Cuba Libre bestellen möchte. An der Foto-Wand hängen Urlaubsfotos der Mitarbeiter, vom Oktoberfest in München bis Ollantaytambo in Peru.

Auf dieser Office-Seite werden die Schnäppchen-Deals ausgehandelt, für Konferenzen zieht man sich in einen der sechs Meetingräume wie „Adlon“ oder „Soho House“ zurück.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Treppenhauses wird der ausgehandelte Deal von der Redaktion für die Website zum Leben erweckt. Hier ist eher der Industrial Look angesagt.

„Das sind wirklich coole Büros, mit denen wir uns alle identifizieren,“ sagt Stefan Menden. Arbeitest du noch oder urlaubst du schon?

GSG-Hof an der Lübarser Straße 40

GSG-Hof an der Lübarser Straße – früher und heute

Was gibt es Schöneres, als eine energetische Symbiose von der Office-Location und dem Geschäftsfeld zu schaffen? Im GSG-Hof an der Lübarser Straße 40 hat Ralf-Otto Limbach mit seinem Auto Classics Club eine wahre Gefühlswelt geschaffen.

In der denkmalgeschützten Montagehalle der ehemaligen Fahrzeugfabrik F.G.Dittmann in Wittenau hat sich der Gründer einen Traum erfüllt. In mittlerweile sechs mit 15 bis 17 Grad beheizten Hallen können Liebhaber des mobilen Schönen ihre historischen Fahrzeuge stilvoll und sicher unterbringen, haben selbst rund um die Uhr Zugang zur Halle.

Hier stehen sie: Ferrari, Rolls Royce, Lamborghini, Porsche, Aston Martin und andere. Ob Vintage Car oder Klassiker – das automobile Lieberhaberstück genießt dazu noch einen kompletten Verwöhn-Service. Der reicht von der Restaurierung über die Aufbereitung des Innenbereichs bis zum Reifenservice de Luxe; dabei werden die mobilen Schätze sanft gerüttelt, um einen Standplatten zu vermeiden.

Auf zwei großen exklusiven Lounges finden jeden Freitag Clubabende, sogenannte „Benzingespräche“ statt.

„Der Club an diesem Standort ist für mich eine Hommage an die einst reiche Industriekultur. Wir haben den Hallen mit den 200 Vintage Cars ihre ursprüngliche Bestimmung zurückgegeben,“ schwärmt Ralf-Otto Limbach. Er hätte keinen besseren Platz finden können.

GSG-Hof an der Helmholtzstraße 2-9

Die Großzügigkeit der historischen Höfe hat auch Dan Chernavsky sofort überzeugt. Mit seiner Firma A&P Apparel and Patterns cadberlin hat er 2015 seine Räume im denkmalgeschützten GSG-Hof Helmholtzstraße 2-9 bezogen.

„Wenn wir Paletten von Papier geliefert bekommen, brauchen wir breite Gänge und vor allen Dingen Lastenaufzüge“, sagt der Geschäftsführer.

Außerdem könne man auf dem Hof, mitten im Campus Charlottenburg, mit der tagsüber besetzten Pförtnerloge bei den Kunden auch gut repräsentieren.

Helmholtzstraße 2-9 ─ Jahr unbekannt

Sein Unternehmen fertigt Schnittmuster für Designer und Bekleidungshersteller. Das 90 Quadratmeter große Büro sieht aus wie ein Atelier. Stoffballen, Kleiderständer mit Mänteln und Oberteilen, Nähmaschinen.

An der Wand hängt ein Moodboard: Inspirationsbilder, Stoffproben und Skizzen für aktuelle Kollektionen. Darunter Buchbände von Yves Saint Laurent und Valentino.

Schnittassistentin Tanja und Schneiderin Julia berichten von ihren ausgefallensten Aufträgen: „Für das Erotik-Label “Spitzenjunge“ haben wir Unterwäsche für Männer genäht, für das Hamburger Designerin Johanna Harmsen sollten wir nur halbe Sachen herstellen, also wirklich nur eine halbe Mantelseite.“ Und Dan Chernavsky ergänzt: „Die Bundespolizei gab neue Uniformjacken in Auftrag, in die Funkgerät und Waffe passen mussten. Dazu haben wir uns extra Spielzeugwaffen gekauft, um alles exakt bemessen zu können.“

Helmhotzstraße 2-9 ─ Heute ─ Alt- & Neubau

Das Repräsentative der historischen Höfe hat auch Michael Kroehnert überzeugt. Seit 2006 ist er Mieter im GSG-Hof Helmholtzstraße. Auch wenn er mit seinen Firmen Green-Zones und GEMB Gesellschaft für Emissionsmanagement und Beratung in den Neubau gezogen ist.

„Die Energiebranche ist konservativ und da muss das Büro schon was hermachen.“ Für Kenner von Industriearchitektur sei dieser denkmalgeschützte Gewerbehof mit seiner fünfgeschossigen Fabrikfassade eine Augenweide.

„Außerdem gibt es hier Parkplätze für unsere Kunden“, sagt der Firmenchef.

Green-Zones informiert über seine Online-Portale Auto-, Busfahrer und Speditionen über Umweltplaketten und Vignetten und liefert diese seinen Kunden in die ganze Welt. Auch wenn das viele nicht gerne hörten, aber wenn zum 1.1.2018 die Blaue Plakette als Lösung für die Stickoxidprobleme der deutschen Städte beschlossen werden sollte, dann sei er ganz vorne.

„Ich habe bereits die passenden Domains in allen Sprachen gekauft. Allein für Deutschland müssten 30 bis 35 Millionen Plaketten ausgestellt werden“, sagt Michael Kroehnert.

Ganz eindeutig: Der Gründergeist des Standortes beflügelt auch ihn. „Manche Kunden denken, ich bin die Regierung“, lacht er. „Dabei sind wir nur der Dienstleister, der die Plakette an den Kunden bringt.“ Je Plakette hat er Websites von 12 bis zu 20 Sprachen eingerichtet, seine 15 Mitarbeiter beraten in zehn Sprachen.

Das Besondere der historischen Höfe: Sie sind nicht nur bei Startups stark gefragt. Auch zu Westberliner Zeiten haben sie stets den Nerv der Zeit getroffen, haben sich über all die Jahrzehnte durchgesetzt. Souverän, standhaft, wie ein Fels in der Brandung. Die Dominanten der Gewerbeimmobilien – ihre Baumeister hätten allen Grund, stolz zu sein.

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