Was denkt die Wirtschaft Berlins über den Lockdown?

Diese und weitere Themen diskutierte Sebastian Blecke, Geschäftsführer der GSG Berlin und Vorstandsmitglied der ZIA-Region Ost, mit Dr. Stefan Franzke, Geschäftsführer von Berlin Partner. Wir haben das Interview, das Ende Januar im Rahmen des Regio-Calls Ost des Zentralen Immobilien Ausschuss e. V. (ZIA) stattfand, aufgezeichnet.

Sebastian Blecke: Herzlich willkommen an alle, hallo Dr. Stefan Franzke! Fangen wir sogleich an – jedoch möchten wir nicht über die Verlierer in der aktuellen Situation reden, sondern viel interessanter ist es doch zu erfahren, wer bzw. wen es in Berlin auf der Gewinnerseite gibt und was Berlin Partner sowohl auf der negativen als auch auf der positiven Seite heute mitteilen kann?

Dr. Stefan Franzke: Zunächst kann ich heute nicht vorwegnehmen, wie die Berliner Wirtschaft denkt und fühlt. Das kann im Moment wohl niemand sagen. Da kommen wir schon zu dem eigentlichen Thema: Es gibt nicht DIE Wirtschaft. Wenn wir beispielsweise lesen, dass das Bruttoinlandsprodukt für Berlin im letzten Jahr um fünf Prozent gesunken ist, so habe ich persönlich bislang niemanden kennengelernt, der dieser Durchschnitt war. Doch habe ich Menschen kennengelernt, vor allem aus dem Bereich des stationären Handels, der Gastronomie, Messen, Hotels und aus den Bereichen Sport sowie Tourismus, die einen Umsatzeinbruch von 20 bis 100 Prozent haben und vor der Insolvenz stehen. Und ich habe Unternehmerinnen und Unternehmer getroffen, die in diesem und im letzten Jahr ganz gut durch die Krise gekommen sind. Die Umsätze wurden gehalten oder wuchsen sogar um fünf bis 20 Prozent.

Nicht nur in Berlin – weltweit sind die Hotels menschenleer. Der Tourismus kam fast komplett zum Erliegen.

Es ist beileibe nicht so, dass es nur die Unternehmen aus der Digitalisierungswirtschaft trifft, die wir zum Glück in Berlin haben, beispielsweise Amazon, Google, SAP, Microsoft, die mit großen Einheiten in Berlin sind und sich gerade – wie Amazon und Google – in der Stadt verstärken. Darüber hinaus ist im vergangenen Jahr, etwa in den Branchen der Kommunikationsdienstleistungen, die Zahl der Sozialversicherungsbeschäftigten um 6,5 Prozent gestiegen. Die Prognose zeigt, dass sich das in diesem Jahr wiederholen wird. Es ist gleichfalls so, dass Berlin – neben Schleswig-Holstein – das einzige Bundesland ist, in dem es 2020 einen Nettozuwachs an Sozialversicherungsbeschäftigten gegeben hat. Vielleicht ist das Bild vorherrschend, dass wir sehr starke Abhängigkeiten in dem Bereich des Tourismus und der Geschäftsreisen haben. Das stimmt auch. Dieser Bereich ist im letzten Jahr um 35 Prozent geschrumpft und wir bewegen uns inzwischen auf dem Niveau von vor 15 Jahren. Es gibt jedoch andere Unternehmen, die gewachsen sind. Das sind in Berlin zum Beispiel die produktionsnahen Dienstleister.

Wenn wir über die Berliner Wirtschaft reden, vergessen wir heute häufig, dass wir Unternehmen wie Berlin-Chemie, BMW, Bayer, B. Braun Melsungen und Beiersdorf haben – viele, die auch in der Stadt produzieren. Gerade hat der BDI vermeldet, dass die Auftragslage in der Industrie in Deutschland höher ist als im Februar 2019. Das hat stark damit zu tun, dass die deutsche Wirtschaft exportiert und ein Markt wie China schon durch die Krise gegangen ist. In Berlin ist der Exportanteil nicht so hoch. Hier haben wir noch ein paar Hausaufgaben zu machen.

Außerdem: Der Berliner Finanzsenator, Dr. Matthias Kollatz, sagt, dass die Steuereinnahmen 2020 höher sind als 2019. Es wachsen vor allem solche Arbeitsplätze, die überdurchschnittlich gut bezahlt werden und wo eine hohe Wertschöpfung stattfindet. Dort, wo die Begegnung von Menschen zum Geschäftsmodell gehört, haben wir einen sehr deutlichen Einbruch und da zeichnen sich viele Insolvenzen ab. Das hat auch mit dem Strukturwandel, beispielsweise im stationären Handel, zu tun. Die Pandemie hat das beschleunigt. Daher gibt es tatsächlich viele Verlierer. Aber, und das will ich an dieser Stelle betonen, es gibt auch viele Gewinner in Berlin.

Quelle: Bundesagentur für Arbeit

Die von der Bundesagentur für Arbeit zur Verfügung gestellten Zahlen belegen, dass in Deutschland die Arbeitslosenquote innerhalb eines Jahres bis Ende Januar um 1 Prozentpunkt angestiegen ist. Berlin zeichnet im Vergleich zu den anderen Bundesländern ein positives Bild (Stand: Juni 2020). Quelle: Bundesagentur für Arbeit, ID 1239

Blecke: Danke für die Ausführungen. Aber bei den Zahlen muss man ein bisschen Wasser in den Wein kippen, denn das Thema Kurzarbeit taucht in der Statistik bei den Arbeitslosen nicht auf. Inwiefern liegen da gegebenenfalls Zahlen vor, um antizipieren zu können, was eventuell noch so im Schatten steht?

Franzke: Gerade das Thema Kurzarbeit ist sehr schwer zu fassen, da die Unternehmen bei der Arbeitsagentur Kurzarbeit anmelden und erst im Nachhinein festgestellt werden kann, wie viele Arbeitnehmende in Kurzarbeit geschickt worden sind und zu welchem Anteil. Im Vergleich zum ersten Lockdown, in dem jeder zweite Betrieb Kurzarbeit anmeldete, ist das in der Phase ab November bis heute nicht der Fall. Das sehen wir übrigens für Gesamtdeutschland. Wir nehmen an, in den Bereichen Messen, Hotellerie, Gastronomie und Sport einen Effekt festzustellen, denn einige Unternehmen werden möglicherweise noch bis zum Monatsende Januar Insolvenz anmelden. Dadurch würden die Angestellten, die bis dato in Kurzarbeit waren, nun in die Arbeitslosigkeit gehen.

Noch schwieriger sind Prognosen beim Thema Arbeitslosenquote. Wir hatten 2010 in Berlin eine Arbeitslosenquote von 13,6 Prozent. Vor fünf Jahren waren wir bei 10,7 Prozent und 2019 lag die Quote bei 7,8 Prozent. Wir waren schon sehr erleichtert, diese rote Laterne abgegeben zu haben. Und jetzt ist es so, dass für das gesamte Jahr 2020 die Arbeitslosenquote bei 9,7 Prozent liegt und damit deutlich gestiegen ist. Da ist der Effekt der Kurzarbeit noch nicht enthalten. Die bittere Wahrheit ist, dass wir im Vergleich zu den qualifizierten Arbeitskräften vor allem in dem Bereich der Geringqualifizierung eine sehr hohe Arbeitslosigkeit erwarten. Weiter scheint in Berlin bereits ein Strukturwandel hin zu wissensintensiven Dienstleistungen stattgefunden zu haben. Das sehen wir überall, wo Tätigkeiten nahezu unvermindert fortgesetzt wurden – in Form eines Büroarbeitsplatzes, der sicher ist, oder im Homeoffice.

Die Arbeitsmarktsituation des Landes Berlin aus dem Dezember 2020 zeigt den Vergleich zum Vorjahresmonat hinsichtlich der gemeldeten Arbeitslosen und gemeldeten Arbeitsstellen. In der Unterbeschäftigungsquote sind jene erfasst, die nicht als arbeitslos im Sinne des Sozialgesetzbuches (SGB) gelten, weil sie Teilnehmer an einer Maßnahme der Arbeitsförderung oder kurzfristig erkrankt sind. Quelle: Bundesagentur für Arbeit, Arbeitsmarkt im Überblick - Berichtsmonat Dezember 2020

Blecke: Das heißt also, dass wir es aktuell in erster Linie mit einer Gesundheitskrise zu tun haben, aber nicht zwangsweise mit einer wirtschaftlichen Krise – die Rahmenparameter sind nach wie vor unverändert gut für Berlin?

Franzke: Das würde ich so nicht unterschreiben. Es ist eine Wirtschaftskrise, das muss man deutlich sagen. Wir kennen noch nicht alle Auswirkungen und werden sicherlich eine Zeit von zwei bis drei Jahren brauchen, um wieder den Stand vor der Pandemie zu erreichen. Mit Blick auf den stationären Handel, die Gastronomie und Hotellerie, Messen, Fitnessstudios und Reisebüros müssen wir mit vielen Insolvenzen rechnen. Wenn wir sagen, dies ist nur eine Gesundheitskrise, dann würden wir das nicht richtig einordnen. Aber, und das ist meine Botschaft: Es gibt eine andere Seite, die voller Zuversicht und Hoffnung ist.

Blecke: Ich wollte nicht sagen, dass wir es nur mit einer Gesundheitskrise zu tun haben, denn natürlich hat diese Krise wirtschaftliche Folgen. Wenn ich an dieser Stelle kurz unsere Wahrnehmung einfließen lassen kann: In unserem Portfolio haben wir im letzten September eine Mieterumfrage durchgeführt und 85 Prozent der Mieter sagten, sie sind für eine zweite Corona-Welle gut aufgestellt. Unter unseren Mietern geht demnach nicht die Angst um, dass man in ganz große Schwierigkeiten gerät. Schön ist es dennoch nicht und viele Unternehmen haben zu kämpfen, das ist keine Frage. Aber wir sind davon entfernt, verzweifelte Mieter zu haben.

Vielleicht wagen wir den Exkurs zu dem, was in Berlin in den letzten Jahren eine wesentliche Rolle gespielt hat, wenn es darum ging, Flächen anzumieten, Flächen zu absorbieren. Nehmen wir das ganze Segment der Startup-Szene, auf die viele ein wenig kritisch geschaut haben. Wie nachhaltig ist es, wenn nichts produziert wird? Das sind nur Nullen und Einsen im digitalen Raum. Was passiert, wenn sich große Bremsspuren in der Wirtschaft zeigen? Wie nachhaltig und resilient ist dieser Wirtschaftszweig, wenn man ihn denn so nennen kann? Es gibt neue Zahlen, die Ernst & Young vorgelegt hat. Was können Sie dazu sagen? Was haben Sie für Berlin beobachten können, auch aus der übergeordneten Sicht?

Laut Tagesspiegel vom 03.02.2021 werden Startups mit bis zu 2.000 Euro pro Person und Monat gefördert – damit sollen sie ihre Produkte marktreif machen können. Quelle: https://bit.ly/2ZM3Y4K

Franzke: Zunächst sollte man aus mehreren Gründen das Thema Startups nicht belächeln. Das eine ist, dass Startups ganz grundsätzlich Unternehmen mit Perspektive sind: Siemens ist in Berlin gegründet worden, das erste Werk von Mercedes ist in Berlin entstanden, auch die AEG gründete hier, wenngleich sie nicht mehr existent sind. Das Gründen von großen Unternehmen, aber auch das Scheitern, ist beides Bestandteil der Berliner DNA. Das ist nichts Neues. Es führt immer dazu, dass dieses Unternehmertum neue Ideen nach vorne bringt, was einmal für das Startup selbst eine Wertschöpfung bedeutet. Oder es bietet zusätzlich für ein etabliertes Unternehmen die Möglichkeit, eine Innovation einzukaufen. Es ist schlicht und einfach befruchtend. Das sehen wir auch in der Ansiedlung. Denn da ist neben mehreren Argumenten vorrangig EIN Thema präsent, nämlich, dass wir in Deutschland im Bereich Startup auf dem europäischen Festland die Nummer eins sind – in einigen Bereichen mit Paris zusammen.

Aber ja, in der Tagespresse finden sich häufig bestenfalls neutrale, wenn nicht negative Berichte. Ich persönlich sehe das nur positiv! Das liegt vielleicht an meinen Job als Wirtschaftsförderer, denn dazu gehört, den Standort zu vermarkten. Doch jeder sollte wissen, dass die Berliner Startups im letzten Jahr 314 Finanzierungsrunden erfolgreich abgeschlossen haben. Das waren 20 Prozent mehr als im Vorjahr. Das ist ein Höchststand an Finanzierungsrunden, während in der Zeitung steht „Berliner Startups in der Krise“. Das ist doch absurd! Auch, wenn das investierte Wagniskapital etwas geringer ausfällt: Das lag 2020 bei 3,1 Milliarden Euro. Doch noch vor sieben Jahren lag es bei unter einer Milliarde. Diese Zahl wird sehr häufig von einzelnen, sehr großen Deals geprägt. Beispielsweise hatten wir 2019 die Investition von dem singapurischen Fonds Temasek, was N26 allein eine halbe Milliarde einbrachte. Durch einen einzelnen Deal wird die Summe sehr stark nach oben gebracht, was im letzten Jahr nicht so häufig der Fall war. Trotzdem wurden vier der fünf größten Deals in Berlin geschlossen. Man kann also davon sprechen, dass das Berliner Startup-Ökosystem erwachsen geworden ist und dauerhaft Bestand hat. Es erreichen uns im Moment auch nicht die Signale, dass es in diesem Jahr anders sein wird. Berlin prägt damit – ohne Übertreibung – die deutsche und europäische Startup-Szene. Ich ziehe vor den mutigen Gründerinnen und Gründern meinen Hut.

Zahlen aus dem vierten Quartel des vergangenen Jahres bezeugen, dass noch immer am liebsten in Berlin gegründet wird. Quelle: startupdetector UG, ID 1117030

Blecke: Hier gebe ich gern noch einmal aus erster Hand die Erfahrung weiter, die wir als Immobilienunternehmen machen. Es gibt auch Startups, die aufgrund ihres Tätigkeitsschwerpunkts, mal mehr, mal weniger, von der Krise betroffen sind. Unbestritten haben es Startups aus dem Bereich Tourismus zugegebenermaßen jetzt schwer, keine Frage. HelloFresh ist zwar nicht unser Mieter, aber es dürfte inzwischen bekannt sein, dass das Unternehmen 2020 als das beste Jahr ihrer Geschichte vermerken wird. Sie haben aufgrund der Pandemie einen enormen Kundenzulauf erhalten. Auch andere E-Commerce-Plattformen zählen zu den Gewinnern der Pandemie.

Anders, als wir es vielleicht im März/April erwartet hätten, haben wir aus dem Bereich der Startups so gut wie keinen Antrag auf Mieterlass oder -stundung erhalten. Wir können das an einer Hand abzählen. Dieses Segment scheint doch deutlich robuster zu sein, als man es noch vor anderthalb Jahren vermutet hätte. Es kann uns eigentlich alle nur freuen, dass Berlin auch international nach wie vor im Fokus steht und das Image durchaus positiv ist.

Franzke: Berlin ist mitten in einem Strukturwandel, der im Prinzip mit dem Fall der Mauer begonnen hat. Das war in der Vergangenheit nicht immer einfach, aber dafür haben wir manches schon vorgearbeitet. Diesen Strukturwandel sieht man auch und vor allem beim Thema Startups. Vor zehn Jahren haben die Samwer-Brüder die Stadt wirklich begeistert, Talente nach Berlin gelockt und ein Unternehmen nach dem anderen hochgezogen. Damals haben viele das eher belächelt und gesagt: „Das sind Copy-Cats.“ Berlin ist längst der E-Commerce-Phase entwachsen. Wir haben viele Startups im Bereich der künstlichen Intelligenz, der Gesundheitswirtschaft, der Energie und Mobilität. Genau da, wo die Berliner Wirtschaft gut ist. Im PropTec-Bereich gibt es mehr als 160 Startups, die mit unterschiedlicher Dienstleistung – von der Instandhaltung von Kesseln bis hin zu Hausmeisterdiensten – ein breites Spektrum an professionellen Prozessen digitalisiert haben und damit ihr Geschäft betreiben.

Durch die Digitalisierung werden einzelne Abläufe oder ganze Prozesse in der Regel einfacher, effizienter und kostengünstiger.

Blecke: Auch im Bereich Banking ist Frankfurt nicht mehr „the place to be“, was innovative Bankprodukte und Dienstleistungen angeht. N26 ist in Berlin und wird ein Stück weit das Bankensystem von hier disputieren und nicht aus Frankfurt oder London.

Vielleicht eine elegante Überleitung zum nächsten Punkt. Es gibt die Tendenzen, dass Firmen weiterhin wachsen. Wir kennen es noch aus dem letzten Jahr: „War for Talents“ – wo kommen eigentlich die ganzen Arbeitskräfte her? Diese kommen ja nicht nur aus Deutschland, sondern müssen in der ganzen Welt akquiriert werden. Berlin Partner steht den Unternehmen hier unterstützend zur Seite. Welche Entwicklungen gibt es auf dem Arbeitsmarkt, wenn es um ausländische Arbeitskräfte geht? Was kann man dazu sagen?

Franzke: Zusammen mit dem Landesamt für Einwanderung, das am 1. Januar 2021 seinen ersten Geburtstag feiern konnte, haben wir einen Service etabliert. Das Landesamt für Einwanderung hieß früher Ausländerbehörde. Man sieht nicht nur an der Umbenennung, dass Einwanderung von hoher Symbolik ist. Wir lieben die Einwanderung in Berlin, weil sie außerordentlich befruchtend und bereichernd ist. Deshalb auch das gemeinsame Angebot an alle Unternehmerinnen und Unternehmer in Berlin: Wenn Sie jemanden einstellen wollen, der keinen EU-Pass besitzt, dann können Sie zu uns kommen. Wir helfen gerne, am liebsten auf Management-Ebene, die richtigen Talente nach Berlin zu holen. Wir garantieren, dass es innerhalb von fünf Werktagen eine Aussage gibt, ob es zur Aufenthaltsgenehmigung kommt oder nicht. Da sind wir etwa sechs bis acht Monate schneller als alle anderen Bundesländer.

Aber auch hier spüren wir die Auswirkungen der Pandemie: Im zweiten Quartal des letzten Jahres, als die Grenzen dicht waren, hatten wir nicht eine neue Anfrage. Da ging es eher darum, wie akute Arbeitslosigkeit aufenthaltsrechtlich zu bewerten ist. Seit August pendelt sich die Nachfrage wieder auf Normalniveau ein – zum Glück. Dies sehen wir als sehr positives Signal für Berlin und es zeigt, dass die Stadt Berlin im Ausland als sicher und vertrauenswürdig gilt. Im Frühjahr 2020 sind wir bei verhältnismäßig niedrigen Infektionszahlen sehr früh in den Lockdown gegangen und haben nicht solche Bilder produziert wie in Bergamo oder wie in New York, wo im Central Park ein weißes Zelt stand, weil man die Kapazitäten nicht mehr hatte. Wir sind eher bewundert worden.

Heute werden Arbeitskräfte international gesucht. Berlin hat über die Landesgrenzen hinaus eine große Strahlkraft und zieht noch immer viele Talente an.

Unseren guten Ruf bei internationalen Talenten haben wir auch wegen Sozialleistungen wie dem Kurzarbeitergeld und dem Arbeitslosengeld und unserem Gesundheitssystem und dem dichten Netz an niedergelassenen Ärzten – und, und, und. Weltweit wurde wahrgenommen, dass man in Berlin innerhalb eines Monats ein 500-Betten-Krankenhaus mit dem THW aufgebaut hat. All das waren positive Signale, die dazu geführt haben, dass viele Ausländer gesagt haben: „Ja, ich will nach Berlin kommen.“ Das ist mir sicherer als die Gegend, aus der ich komme. Diese Aussage gilt bis zu den neuen Beschränkungen im November. Jetzt merkt man, dass es im zweiten Lockdown auch etwas anders läuft. Das gilt allerdings allgemein. Per se ist Berlin noch immer wahnsinnig gefragt: Wer kreativ ist, wer sich verwirklichen möchte, wer eine offene Gesellschaft sucht, ist in Berlin genau richtig.

Blecke: Das betrifft natürliche Personen, demnach Menschen. Wenn es um juristische Personen, sprich Firmen geht, ist Berlin Partner die erste Anlaufstelle für Unternehmen, die eine Expansion planen, von wo auch immer in der Welt, in den Berliner oder deutschen Markt. Gibt es da starke Veränderung nach oben oder unten?

Franzke: Wir haben im vergangenen Jahr trotz allem 80 Unternehmen in Berlin angesiedelt, die mehr als 3.000 Arbeitsplätze schaffen. Das ist vielleicht nicht so überraschend, wenn man bedenkt, dass die meisten Projekte natürlich aus Vor-Coronazeiten stammen. Unter den Ansiedlungsprojekten ragen zwei heraus: Siemens hat eine Unternehmung ausgegliedert, die Siemens Energy, die auch für sich allein unter den Top 40 an der Börse ist. Da gab es gute Gründe, dass Siemens Energy sein Headquarter nach Berlin bringt. Und kurz vor dem Jahreswechsel hat die Deutsche Bahn verkündet, mit der Digitalen Schiene in Berlin ein neues Geschäftsfeld mit 2.000 Mitarbeitern aufzubauen. Eine echte Überraschung und eine wirklich gute Nachricht sind aber, dass unsere Ansiedler darüber hinaus 108 neue Projekte angebahnt haben. Diese Leads haben wir ausschließlich digital generiert. Wir haben glücklicherweise ein weltweites Netzwerk, mit dem wir uns eine gewisse Zeit, jedoch nicht auf ewig, digital austauschen können. Wir haben ganz zu Recht neue Routinen und Kanäle etabliert, um zu kommunizieren und in Verbindung zu bleiben. Der digitale Austausch ist gut, um bestehende Kontakte zu pflegen und auf bestehenden Geschäftsbeziehungen aufzubauen. Wenn sich Ansprechpartner ändern oder ganz neue Kontakte geknüpft werden sollen, ist das über Videocall eher schwieriger.

Und wenn wir bei starken Veränderungen sind, gestatten Sie mir auch einen Gedanken zu unseren knappen Flächen: Man wird für 50 Personen künftig nicht mehr 50 Arbeitsplätze einrichten. Wir hören von Quoten zwischen 50 bis 70 Prozent. In Zukunft wird also immer mehr an so genannten shared desks gearbeitet. Das machen wir bei Berlin Partner schon seit rund drei Jahren, weshalb uns der Wechsel ins mobile Büro sehr leichtgefallen ist.

Büros sind pandemiebedingt deutlich leerer als noch vor einem Jahr und viele Angestellten arbeiten von zu Hause. Neue Flexibilität ist gefordert.

Blecke: Hier möchte ich einbringen, dass der Berliner ja immer etwas skeptisch ist, was die Entwicklung seiner eigenen Stadt betrifft. Es ist noch nicht allzu lange her, da hatte Berlin keinen einzigen Kandidaten im DAX. Dies hat sich geändert. Dadurch, dass es nun nicht mehr DAX 30, sondern DAX 40 ist, sind Firmen wie Siemens Energy reingerutscht. Und zwar nicht nur knapp. Im DAX-Ranking liegen sie auf Rang 32. Das heißt, sie wären auch im alten DAX 30 ganz dicht dran gewesen, in diesen aufgenommen zu werden. Und da schließt sich an: Berlin verdient es, auch im DAX deutlich stärker vertreten zu sein, als das in der Geschichte der Fall gewesen ist.

Ich möchte zum Thema „Digitalisierung“ kommen, da auch die Anfragen und die ganzen Prozesse dahinter immer digitaler werden. Unternehmen kalkulieren ja gar nicht mehr komplett stationär mit ihren Mitarbeitern, sondern weichen gleichfalls auf Homeoffice-Strategien aus. Dies setzt voraus, dass eine digitale Infrastruktur in einer Stadt auch entsprechend gut ist. Bevor wir darauf eingehen, wie es z. B. mit dem Thema Digitalisierung auf Behördenseite aussieht – da ist sicher noch nicht alles Gold, was glänzt – wie schätzt Berlin Partner das Thema ein? Vielleicht wagen Sie einen Ausblick für die nächsten Jahre, was Berlin gegebenenfalls noch nachholen muss, sodass auch diese Zukunftsthemen gut abgebildet werden können?

Franzke: Wir erleben selbst, wie groß der Unterschied ist zwischen dem, was in der Digitalisierung möglich ist, dem, was einzelne Unternehmen machen, und dem, was in der gesamten Stadt umgesetzt wird. Um es positiv zu formulieren: Hier ist ein riesiges Potenzial an Tätigkeiten für die Berliner Wirtschaft, an neuen Startups, an allem! Und natürlich kann man den öffentlichen Bereich nicht ganz ausklammern, schon weil die Verwaltung auch einer der größten Arbeitgeber in Berlin ist. Nehmen wir aber das wichtige Feld der Gesundheitswirtschaft: Sie ist maßgebend für den Berliner Arbeitsmarkt insgesamt und für ein weites Feld an Digitalisierungspotenzial. Um nur ein Beispiel zu nennen: Wir reden seit Jahren über die digitale Gesundheitskarte. Jetzt erst ist das elektronische Rezept verabschiedet worden. Da geht noch mehr. Wir sehen aber auch, dass die politischen Rahmenbedingungen entscheidend sind. Häufig, das haben wir im ersten Lockdown in den Verwaltungen gesehen, wird viel über Datenschutz argumentiert. Ich bin überzeugt, dass wir hier noch zu kurz denken, wenn Datenschutz als Verhinderungsgrund von Geschäftsmodellen vorgeschoben wird. Wir haben den Datenschutz nicht als Totschlagargument erfunden, sondern als Konsens, um möglichst datenarm zu arbeiten. Ich finde, da ist noch sehr, sehr viel zu machen.

Neue Technologien sind auf dem Vormarsch. Auch Forschung und Entwicklung machen Berlin als Standort interessant.

Blecke: Bevor wir gleich noch einen Blick in die Zukunft geben, möchte ich noch zwei Fragen stellen. Frage 1: Mit wie viel Insolvenzen kann gerechnet werden? Frage 2: Wie wird sich die Hotel- und Eventlandschaft entwickeln und wie steht es eigentlich um die Messe Berlin?

Franzke: Eine belastbare Zahl zum Thema Insolvenzen zu nennen, fällt schwer. Allein schon deshalb, weil nicht genau bekannt ist, wer alles unter das Insolvenzrecht fällt. Der Soloselbstständige ist davon zum Beispiel nicht umfasst. Bei Berlin Partner führen wir seit April vergangenen Jahres immer wieder offene Informationsveranstaltungen durch, sogenannte Town Hall Calls. Diese beschäftigen sich mit den unterschiedlichsten Themen, wie etwa der Kurzarbeit, den Förderprogrammen, den vielen verschiedenen Corona-Soforthilfen und so weiter. Gerade haben wir einen Town Hall Call zum Thema „Insolvenz als Chance für den Neuanfang“ durchgeführt, mit so vielen Anmeldungen wie zu keinem anderen Thema. Die am meisten betroffenen Verbänden, der Dehoga und der Handelsverband, rechnen im Handel und Einzelhandel, in der Gastronomie und auch bei den Hotels mit einer Insolvenz bei jedem dritten oder vierten Unternehmen.

Datenschutz darf lt. Dr. Stefan Franzke nicht als Totschlagargument gelten, sondern als Konsens, um möglichst datenarm zu arbeiten.

Blecke: Also die Ruhe vor dem Sturm?

Franzke: Ich lehne mich bestimmt nicht weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass in Folge der Pandemie viele Unternehmerinnen und Unternehmer ihr Geschäft in der jetzigen Form aufgeben müssen. Das muss aber nicht heißen, dass zum Beispiel das Lieblingsrestaurant für immer verschwindet. Wenn ich mich mit meinem Kollegen Burkhard Kieker, dem Geschäftsführer von visitBerlin, unterhalte, dann wagen wir die Prognose, dass wir nach einer gewissen vorsichtigen Anfangszeit vielleicht im Jahr 2022/2023 das Niveau von 2019 erreichen werden. Die Hotels wird es gegebenenfalls mit neuem Namen oder mit neuem Eigentümer geben. Etwas anders schaut es im Einzelhandel aus. Hier ist anzunehmen, dass der Online-Handel nichts von seiner aktuellen Beliebtheit einbüßen, sondern sich weiterentwickeln wird. Das hat zur Folge, dass Händler eher auf kleineren Flächen ausstellen werden – zum Gucken. Gekauft wird künftig noch mehr im Internet.

Der Onlinehandel konnte aufgrund von Corona und geschlossener Läden bereits im letzten Jahr stark zulegen. Quelle: Statistisches Bundesamt, ID 579708

Blecke: Und in Anbetracht der Zeit: Haben Sie noch eine kurze Antwort zur Messe Berlin, bevor wir uns noch an einen Ausblick wagen?

Franzke: Aus meiner Sicht stehen alle weltweit großen Messegesellschaften, die selbst Immobilienbesitzer sind, unter einem sehr großen Druck. Das gilt für die Deutsche Messe in Hannover genauso wie für die Berliner Messe. Allen Gesellschaften, die keine Immobilien besitzen, sondern sich wie die Consumer Electronics Show in Las Vegas, in Hotelballsäle und Kongresszentren einbuchen, geht es deutlich besser. Ich denke, dass das Messegeschäft während und nach der Pandemie eine noch größere Herausforderung ist, als es das vorher schon war.

Das Bruttoinlandsprodukt war zuletzt größeren Schwankungen ausgesetzt. Quelle: Statistisches Bundesamt, ID 2284

Blecke: Vielen Dank. Dann bitte ich Sie kurz noch um einen Ausblick für dieses Jahr. Das wird noch von Corona dominiert sein. Doch wie wird es 2022/2023? Wie ist Ihre Einschätzung? Wir können es schon ein bisschen herleiten, da wir fast eine Stunde dazu gesprochen haben. Wie lautet die Einschätzung?

Franzke: Meine Prognose ist, dass wir 2023 mit der Bruttowertschöpfung und der Arbeitslosenquote auf dem Niveau vor der Pandemie sind. Die Geschäfte gehen zwei Jahre nach, wenn Sie so wollen. Aber der Strukturwandel zu wissensintensiven Dienstleistungen, der schon vorher stattgefunden hat, prägt Berlin positiv. Ich bin der Meinung, dass wir noch viel verzahnter mit unserem Umland sein werden, da der Druck auf Flächen hinsichtlich Gewerbe und Wohnen, deutlich höher werden wird und wir letztlich als Metropolregion Gewinner sein werden.

Blecke: Vielen Dank für die Einschätzung, die ich persönlich auch teile. Ich hatte gestern bereits geschrieben „Die Party geht weiter. Nur die Musik, die gespielt wird, ist eine andere.“ – Stichwort „the new normal“. Die Normalität heißt eben nicht zurück zu 2019, sondern, dass wir uns mit neuen Themen auseinandersetzen werden, was wir auch schon heute tun.

Vielen Dank an der Stelle für die ausführlichen Einschätzungen. Und dass wir alle ein bisschen mehr Optimismus für die nächsten Monate und Jahre mitnehmen können. Ich bedanke mich für die Zeit und die Diskussion. Ich wünsche allen eine erfolgreiche Woche, ein erfolgreiches und vor allem gesundes Jahr und freue mich auf ein baldiges Wiedersehen.

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