Wenn aus Hänschen ein Hans werden soll

Wenn aus Hänschen ein Hans werden soll

(Heidi Müller) Wer heutzutage am Markt bestehen und erfolgreich sein will, der muss wachsen. Ein größerer Umsatz erfordert jedoch ein planmäßiges und gesundes Vorgehen auf allen Ebenen.

Stillstand ist Rückschritt

Schlaue Sprüche gibt es zu dem Thema ja genug. „Stillstand ist Rückschritt“ (Rudolf von Bennigsen-Foerder) oder „Wer nichts verändern will, wird auch das verlieren, was er bewahren möchte“ (Gustav Heinemann). Die haben gut reden, die beiden. Wenn das alles einmal so einfach wäre.

Gerade Start-ups haben zwar oft eine geniale Geschäftsidee, doch nur wenigen von ihnen gelingt ein beständiger Aufstieg zum kleinen oder mittleren Unternehmen, das solide Umsätze und Gewinne erwirtschaftet. Laut dem Branchenmagazin „Gründerszene" verschwinden elf von zwölf Start-ups still und heimlich wieder vom Markt.

Wachstum

Wachstum gilt als Allheilmittel
Das Problem ist: Wer klein bleibt, wird nicht großartig was am Markt bewegen können. Ganz im Gegenteil: Wenn die Umsätze stagnieren und neue Wettbewerber auf dem Markt erscheinen, dann wird oft über Wachstum nachgedacht. Wachstum gilt als Allheilmittel. Es soll Probleme wegzaubern und den Wert des Unternehmens steigern. Oft ist das auch richtig: Ein planmäßiges und gesundes Wachstum hilft dabei, das Unternehmen nach vorne zu bringen. In manchen Fällen ist es sogar überlebensnotwendig.

Doch wie nähre ich mein kleines Unternehmen, damit es kraftvoll gedeiht? „Für gesundes Wachstum braucht ein Unternehmen als Grundvoraussetzung erst mal eines: klare Kenntnisse des Marktes. Zielgruppe und Angebot müssen zusammenpassen – und das nicht nur heute, sondern auch perspektivisch. Nehmen wir das Beispiel des Taxigewerbes und dessen Konkurrenz Uber. Im besten Fall hätte das Taxigewerbe selbst frühzeitig neue digitale Lösungen in sein Geschäftsmodell eingebunden, statt nun einen Konkurrenten zu haben“, so Dr. Stefan Franzke, Geschäftsführer von Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie.

Steht ein junges Unternehmen an der Schwelle zu größerem Wachstum, sind zwei weitere Faktoren besonders wichtig: Personal und Finanzierung. „Ein gutes Team ist ein Schlüsselfaktor für Erfolg. Berlin bietet hier als Standort einen entscheidenden Vorteil: Junge Talente aus aller Welt kommen gerne in die deutsche Hauptstadt“, so der Wirtschaftsförderer Dr. Stefan Franzke.

Wachstum muss klare Ziele haben. Erst wenn die eigentlichen Wachstumsziele festgelegt sind, macht die Festlegung auf eine Wachstumsstrategie Sinn. Eine auf verlässlichen Daten aufbauende Planung zeigt, welche Ressourcen für die Umsetzung benötigt und welche Maßnahmen getroffen werden müssen.

136 Millionen Euro Venture Capital
Doch wer soll das bitte bezahlen? In der Regel sind zusätzliche Kapitalmittel erforderlich, die entweder aus dem operativen Geschäft erwirtschaftet oder erst beschafft werden müssen. Wenn zusätzliches Kapital benötigt wird, dann kann dies in Form von Darlehen von der Hausbank kommen oder als Eigenkapital auf dem Wege einer Kapitalerhöhung, bei dem oft auch neue Investoren ins Spiel kommen.

„Auch hier bietet der Standort Berlin Vorteile: 2013 floss mit rund 136 Millionen Euro mehr als die Hälfte des Venture Capitals in Deutschland an IT-Start-ups in Berlin“, sagt Dr. Stefan Franzke. Hat einen der Geldsegen erst beglückt, ist ja noch lange nicht sorgloses Wachsen angesagt.

Gebauer Höfe

Kometenhafte Entwicklung mit Wachstumsschmerzen
„Die Herausforderung ist dabei, dass ein mit Venture Capital finanziertes Start-up schnell und international wachsen muss, um zu einer führenden Marktposition zu gelangen. Die Investoren wollen schließlich, dass sich ihr Invest auszahlt und das Startup das nächste Google oder Facebook wird. Aber in jeder Branche gibt es nur einen Marktführer, daher zahlt sich eine schnelle Markteroberung aus“, sagt Martina Dier, Pressesprecherin des Berliner Start-ups Auctionata. Das Unternehmen, das sich zum Ziel gesetzt hat, das Auktionswesen ins Internet zu bringen, war 2012 in Berlin an den Start gegangen und hat sich seither in den Gebauer Höfen immer weiter ausgebreitet. „Wir sind extrem schnell gewachsen, haben mittlerweile über 300 Mitarbeiter und Mitte des Jahres noch ein Office mit TV-Studio in New York eröffnet.“ Diese kometenhafte Entwicklung habe auch jede Menge Wachstumsschmerzen mit sich gebracht. „Wenn man plötzlich mehr neue als alte Mitarbeiter an Bord hat, gestaltet sich eine effiziente Einarbeitung und Integration als äußerst schwierig.“ Doch die Firma begegnet diesem Phänomen durch konkrete Maßnahmen. „Wir haben einen Starttag für die neuen Mitarbeiter eingerichtet“, sagt Martina Dier. Hier lernen die neuen Kollegen das Unternehmen, seine Geschichte und auch den Vorstand kennen. Es gibt eine Firmenführung und ein gemeinsames Abendessen. Neben einem firmeninternen Netzwerk soll dadurch das Verständnis für Prozesse und Verantwortlichkeiten gestärkt werden. Zudem würde jedem Neuzugang ein „Buddy“ zur Seite gestellt, der ihn beim Ankommen im Unternehmen unterstützt.

Es gibt aber noch viele weitere Faktoren, die für gesundes Wachstum wichtig sind. Um Start-ups mit einer zentralen Stelle umfassend zu beraten, wurde in diesem Jahr die Berlin Start-up Unit mit einer Geschäftsstelle bei Berlin Partner gegründet. Sehr wertvoll sei außerdem „intelligentes Kapital“ – Beteiligungspartner bzw. Business Angel, die nicht nur finanziell unterstützen, sondern auch Mehrwerte bieten, wie Beratung, Netzwerkkontakte oder Vertriebskanäle.

„Wachstum nur mit Ziel und nicht um jeden Preis“
Apropos Vertrieb: Bei geplantem Umsatzwachstum ist es unabdingbar, Konzepte für eine gesteigerte Vertriebsleistung zu erstellen. Und zwar im Vorfeld. Die bestehende Vertriebsorganisation ist vielleicht nicht in der Lage, den Absatz zu steigern. Dies kann zum Desaster für das ganze Vorhaben werden, wenn die höheren Kosten nicht von steigenden Umsätzen abgedeckt werden. Es sollte rechtzeitig geprüft werden, ob alle geeigneten Vertriebsformen und -kanäle optimal genutzt werden – für Dr. Jürgen Kaack eine der wichtigen Erfolgsfaktoren bei Wachstumsvorhaben. Der ehemalige Manager bei international tätigen und mittelständischen Unternehmen wie BMW, AEG, debis hat eine ausführliche Darstellung zum Thema Wachstum aus praktischer Erfahrung in seinem Ratgeber „Wachstum nur mit Ziel und nicht um jeden Preis“ zusammengestellt. (Den Ratgeber gibt es kostenlos im Zeitschriftenkiosk des MittelstandsWiki.)

Mitarbeiter

Die wichtigste Ressource: die Mitarbeiter
Bei Wachstumsvorhaben ist es aber auch sehr wichtig, dass man die eigenen Mitarbeiter richtig einbindet und auf die Veränderungen vorbereitet. Schließlich geht es hier nicht um eine Unternehmensgründung vom Reißbrett, sondern um ein Projekt, das sich in einem bereits bestehenden Unternehmen entwickeln soll. „Die Organisation und die Mitarbeiter auf dem Weg mitzunehmen, ist eine wichtige Managementaufgabe“, sagt Unternehmensberater Dr. Jürgen Kaack. Bei personellem Wachstum sei dabei zusätzlich zu überprüfen, ob die Organisationsstruktur noch angemessen und ausreichend sei. Auch bei den Mitarbeitern sei zu prüfen, ob sie die neuen Anforderungen erfüllen können. Rechtzeitige Information und das Angebot von Weiterbildungsmaßnahmen, aber auch eine vorausschauende Anpassung der Organisation können viele Ängste und Unsicherheiten schon im Vorfeld ausräumen. „Wenn es mit diesen Maßnahmen gelingt, die Mannschaft auf die Veränderungen vorzubereiten und zu motivieren, kann das von entscheidendem Vorteil sein“, so Dr. Jürgen Kaack.

Das belegt auch ein Beispiel aus der Praxis. „Wir haben 2003 bei null angefangen und wachsen seitdem stetig. Zweimal im Jahr haben wir ein enorm erhöhtes Arbeitsaufkommen. Diese extreme Belastung ist nur zu schaffen, wenn alle an einem Strang ziehen und als Team funktionieren“, sagt Simone Will, Hauptgeschäftsführerin bei uni-assist e.V., die im April 2014 in den GSG-Hof Geneststraße umgezogen sind.

Hochschulen

Qualitätsmanagement musste weiterentwickelt werden
Der Verein betreibt eine Arbeits- und Servicestelle für internationale Studienbewerbungen. Diese hatte zunächst elf Jahre im GSG-Hof Helmholtzstraße ihren Sitz und prüft im Auftrag der Mitgliedshochschulen, ob die von Studieninteressierten vorgelegten Zeugnisse zum Studium in Deutschland berechtigen. „Angefangen haben wir mit 47 Mitgliedshochschulen, mittlerweile sind es 167. Mit diesem Wachstum personell Schritt zu halten, ist bis heute eine große Herausforderung“, sagt Simone Will. Auch hier musste mit deutlichen Wachstumsschmerzen umgegangen werden. „Unsere Prüfverfahren und die dahinter stehende Logistik sind komplex und erfordern eine ausgefeilte Arbeitsteilung. Die Integration der großen Zahl freier Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die zu den Stoßzeiten zu unserem inzwischen auf rund 50 Beschäftigte angewachsenen Kernteam hinzukommen, erfordert ein professionelles ,On-Boarding' und intensive Schulungsmaßnahmen, damit die Prozessabläufe reibungslos funktionieren. Unsere Organisationsstruktur musste im Laufe der Jahre kontinuierlich angepasst und das Qualitätsmanagement ständig weiterentwickelt werden. Damit haben wir die Voraussetzung für gesundes Wachstum geschaffen.“ Insbesondere in der Spitzenbelastungszeit im Hochsommer sei die Motivation der Beschäftigten entscheidend. Der enorme Leistungsdruck werde durch kleine, aber wirkungsvolle Angebote wie Massagen am Arbeitsplatz, Eis oder Softdrinks für alle angemessen versüßt.

Wachstum ist kein Zauberwort für Erfolg
„Das Gute bei uns war, das wir sehr langsam und sehr organisch gewachsen sind“, sagt Gerhard Schmidt-Burda, Geschäftsführer des Anti-Drogen-Verein e.V. (ADV), 1975 gegründet und seit 1978 mit einer Tischlerei im GSG-Hof Zossener Straße beheimatet. Im Laufe der Jahre kam, neben der psychosozialen Betreuung suchtkranker Menschen, noch eine weitere Ausbildungs-Tischlerei hinzu. „Die Nachfrage nach unseren Ausbildungsplätzen war so groß, das wir nach 36 Jahren aus der Zossener Straße raus wollten“, sagt Gerhard Schmidt-Burda. Im GSG-Hof Glasower Straße sind jetzt in mehreren Etagen beide Tischlereien gebündelt an einem Ort untergebracht und bieten Platz für 28 Umschüler und zehn Qualifizierungsarbeitsplätze. „Wir sind bestens gerüstet und können so auch das in uns gesetzte Vertrauen durch die Förderprogramme von Arbeitsagenturen, Senatsverwaltung und Europäischem Sozialfonds erfüllen.“

Aber Wachstum ist kein Zauberwort für Erfolg. Wachstum ist auch nicht für alle Unternehmen ein sinnvoller Weg zur nachhaltigen Unternehmenssicherung. Das Wichtigste bei allen Entscheidungen ist sicherlich, sich seinem eigenen Anspruch und seiner Firmenphilosophie treu zu bleiben und die Werte zu bewahren, die die Seele des eigenen Unternehmens sind.

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